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Völker höret die Pedale - Teil 2: Paris
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Text: Gero von Randow (Text gefunden in der "Zeit" vom 31. März 2010)   

Die Sonne ist zurück, wir pfeifen "April In Paris", die Straßencafes sind voll, überall kurze Röcke, und da sind ja auch wieder die Fahrräder! Nur seltsam, in dieser Stadt der Individualisten sehen die Gefährte alle gleich aus, grau glänzend mit schwungvollem Design. Das sind die viel gelobten Velib's, html_f2die Leihfahrräder; kaum jemand benutzt ein eigenes.

April_in_Paris html_f2Vélib' - vélos on libre-servic = kostengünstige Leihfahrräder in Paris. Im Sommer werden sie Tag für Tag rund hunderttausendmal bestiegen. An bestimmten Standorten sind sie morgens knapp, und abends ereilt die Velib'isten das Autofahrerschicksal, denn sie finden keine freie Parkbucht. Weshalb seit Beginn dieses Jahres zwei Autobusse, in die je 56 Räder passen, für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Die Firma JCDecaux, die das Vélib'-System betreibt, lässt sich eine Menge einfallen, denn sie ist Nutznießerin eines Koppelgeschäfts: Sie bietet den Radverleih günstig an und ist dafür der bevorzugte Vertragspartner für Werbeflächen an stadteigenen Bushaltestellen. So etwas heißt win-win, auch die Umwelt freut sich, und alle haben sich lieb. Oder? Denkste.

Das Vélib' ist Gegenstand erbitterten Klassenkampfs. Denn wer benutzt es?

Bobos und Touristen. »Bobo«, das ist ein aus Amerika eingewanderter Begriff, in Frankreich gang und gäbe. Aus »Bourgeois« und »Boheme« zusammengesetzt, beschreibt er die besserverdienenden, linksliberal lebenden Bewohner der schönen Viertel des Pariser Zentrums. Nicht dass die sich kein Auto leisten könnten, aber in den teuren Innenbezirken wäre es einfach unnütz. Wer stattdessen Vélib' fährt, erspart sich Stress, lebt gesünder und rettet das Klim800px-Velibvelo1a. Er ist gut. Die armen Würstchen, die weit draußen wohnen und wegen ihrer Arbeit mit Pkw oder Lieferwagen oder Bussen oder gar mit Mopeds unterwegs sind, die hingegen sind schlecht, sind Proleten und Umweltschweine. Sie regt nichts mehr auf als schon wieder so ein Bobo oder Tourist, der mit seinem blöden Vélib' den Verkehr behindert. Wollen wir doch mal sehen, wer der Stärkere ist!

Auch abgestellte Vélib's sind nicht sicher. Seit der Einführung vor drei Jahren wurden 16 000 Räder mutwillig beschädigt; die Flotte zählt 24 000 Stück. Etliche der zerstörten Bobovehikel waren von den Entleihern nach der Fahrt nicht wieder richtig in ihre Ständer eingeklinkt worden, sodass Bösewichte sie entwenden konnten. Manche Räder wurden in der Seine, andere auf Hausdächern wiedergefunden.

 

 

 

 
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